express 5/2026 erschienen!

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Inhalt

Betriebsspiegel

Wolfgang Hien: »Verraten oder vergessen?« – Vulkan-Pleite vor 30 Jahren   1

»Kürzungen, die sich gegen die Beschäftigten richten« – Gespräch mit Gisela Neunhöffer und Alexandra Piepke über die Krankenkassenreform und den Kampf um Entlastung   6

Lea Dahms und Maximilian Wimmer: »Strategien gegen Tarifflucht an Hochschulen« – Studentische Beschäftigte fordern ihre Rechte ein   9

»Soziale Arbeit unter Druck« – Ergebnisse eines Praxisprojekts von Studierenden  10

Gewerkschaften Inland

Renate Hürtgen: »DGB-Gewerkschaften als rechte Resonanzräume?« – Kommentar zur Analyse der AG Wahlbeobachtung 3

Politik und Debatte

Nicole Mayer-Ahuja: »Schluss mit dem Kampf aller gegen alle« – Rede zum 1. Mai   4

Harald Rein und Uli Wesser: »Kaum Widerstand gegen Sozialabbau« – Markenzeichen des aggressiven Kapitalismus   8

Malte Suhr: »Ökonomische Bildung oder Befähigung zur Demokratisierung der Gesellschaft?« – Schule als Kampffeld   12

Internationales

TIE: »Wenn die Plattform entscheidet« – KI-getriebene Steuerung in Wertschöpfungsketten   2

»Erzwingungsstreik für Bildung in der Mongolei« – Christoph Wälz im Gespräch mit Tsogtgerel Zambal   14

Rezensionen

Renate Hürtgen: »Betriebe in Selbstverwaltung nehmen« – Rupay Dahm setzt vergessenes Thema auf die Tagesordnung   13

Peter Nowak: »Christin und Sozialistin« – Birgit Sack stellt Widerstandskämpferin Maria Grollmuß vor  16

Editorial

Geneigte Leserinnen und Leser,

unter dem Motto »Stärker mit uns« fand letzten Monat der DGB-Bundeskongress in Berlin statt. Ihr fragt Euch, wo unser Artikel darüber bleibt? Wir haben uns entschieden, auf einen Bericht zu verzichten, denn viel zu vermelden gibt es nicht. Überraschungen sind ausgeblie­ben – es gab wenig Diskussion, einiges Schulterklopfen und ein erwartbares Ergebnis von über 96 Prozent bei der Wiederwahl der Vorsitzenden Yasmin Fahimi. Ansonsten hieß es oft: »Weiter so«.

Dass Friedrich Merz bei seiner Rede ausgebuht wurde, dürftet Ihr längst mitbekommen ha­ben. Aufgefallen ist uns, dass die dpa dazu eine Pressemitteilung verbreitete, in der es hieß, er habe »als erster CDU-Kanzler seit acht Jahren« beim DGB-Bundeskongress gesprochen. Das übernahmen alle möglichen Medien von Deutschlandfunk bis FAZ. Keinem scheint aufgefal­len zu sein, dass es in der Zwischenzeit nur einen einzigen DGB-Bundeskongress gab, näm­lich 2022, dass der Kanzler damals Olaf Scholz hieß und von der SPD war.

So ein Lapsus ist für sich genommen verzeihbar. Er steht aber symptomatisch dafür, dass das Interesse an und die Kenntnis über gewerkschaftliche Themen nicht überall in der deutschen Medienlandschaft verbreitet sind, wovon auch Wolfgang Hien (S. 1) zu berichten weiß – noch ein Grund mehr, weshalb es eine Zeitung wie den express braucht.

Ebenfalls uneins mit jenen, die in den deutlich größeren Zeitungsredaktionen sitzen, sind wir uns in der Bewertung der Kürzungen beim Sozialstaat, die zum Teil geplant sind, zum Teil schon stattgefunden haben – sei es bei der Grundsicherung, in der Jugendhilfe und Behinder­tenunterstützung oder im Gesundheitswesen. Dass wir nicht zu jenen gehören, die meinen, »wir« – wer auch immer das sein soll – »können uns den Sozialstaat nicht mehr leisten«, ist offensichtlich. Doch auch mit manchen Kritiker:innen der Einschnitte sind wir nicht einver­standen: Mit jenen nämlich, die meinen, es würde deshalb am Sozialstaat gespart, weil so viel Knete in die Rüstung investiert wird und deshalb zu wenig Geld in der Staatskasse sei – was ja irgendwie immer der Fall zu sein scheint.

Ein öffentlicher Haushalt ist nämlich gerade kein Nullsummenspiel, bei dem Ausgaben an einer Stelle Streichungen an anderer Stelle erfordern. Denn anders als bei der sprichwörtli­chen »schwäbischen Hausfrau«, deren Buchführung immer dann herhalten muss, wenn sich Politiker:innen rausreden wollen, sind Staatsausgaben eine Frage der politischen Gestaltung.

So können auch die Angriffe auf den Sozialstaat und die Rechte der Beschäftigten als politi­scher Ausdruck für die Schwäche verstanden werden, in der sich die Kämpfe der Lohnabhän­gigen gerade befinden. Das zeigt sich unter anderem darin, dass die Forderung, die tägliche Höchstarbeitszeit abzuschaffen, auf die Tagesordnung gerückt ist – und deren Durchsetzung keineswegs unwahrscheinlich ist. Damit versucht das Kapital, seinen Zugriff auf die Ware Arbeitskraft weiter auszudehnen.

Die Einführung der sogenannten »neuen Grundsicherung« – des härtesten Sanktionsregimes, das jemals beschlossen wurde –, wird entsprechend auch keine 30 Milliarden Euro in die Staatskasse spülen, wie es CDU-Generalsekretär Thorsten Frei letztes Jahr verkündete. Son­dern sie verfolgt den Zweck, die Leute dazu anzutreiben, jedwede Arbeit anzunehmen – oder an ihr festzuhalten, sofern sie noch einen Job haben. Das schürt Ressentiments der selbster­nannten »Fleißigen« gegenüber den angeblich »Faulen«.

Noch viel mehr zu den Einschnitten beim Sozialstaat könnt Ihr lesen auf den Seiten 4–8, die sich diesem Schwerpunkt widmen. Das Thema wird uns jedenfalls auch in der kommenden Ausgabe weiter beschäftigen. Bis diese erscheint, müsst Ihr Euch noch etwas gedulden. Denn es wird wieder eine extradicke Doppelausgabe, in der Euch jede Menge Stoff zum Lesen er­wartet für den Ausflug ins Freibad.

Um die Debatte über die geplanten Kürzungen weiter zu vertiefen, laden wir Euch erneut zu einer Online-Diskussionsveranstaltung ein. Diesmal geht es um die geplanten Kürzungen im Gesundheitsbereich, die nicht zuletzt den Kampf um Entlastung an den Krankenhäusern er­schweren. Unsere Ankündigung auf der Titelseite habt Ihr bestimmt schon entdeckt. Wir freu­en uns darauf, Euch am 30. Juni begrüßen zu dürfen und gemeinsam zu diskutieren.

Bis dahin wünschen wir anregende Lektüre!

Bildnachweis

»Ich will nicht arbeiten«, gesteht Edith Feder im Gespräch mit der erfolgreichen Business-Journalistin Dr. Freude. Die moderiert »Projekt Traumjob«, eine Fernsehshow des Bundesbü­ros für Beruf, an der Edith teilnimmt. Zu gewinnen gibt es einen individuellen Traumjob. Doch auf dem Weg dahin müssen die Teilnehmer:innen diverse Prüfungen bestehen.

Nele Jongeling nimmt uns mit in eine Satire, die sowohl manches Medienformat als auch die Arbeitswelt bis zur Kenntlichkeit überzeichnet. Wollt Ihr erfahren, wieso ein Lichtwecker, der den Sonnenaufgang nachahmt, der erste Schritt zum Traumjob ist? Dann lest selbst!

Wir empfehlen Euch »Ich will nicht arbeiten« herzlich und danken dem Reprodukt Verlag wie Nele Jongeling für die Überlassung der Bilder!

Nele Jongeling: Ich will nicht arbeiten, Reprodukt, Berlin 2026, 304 Seiten, farbig, 17 x 24cm, Klappenbroschur, ISBN: 978–3-95640–504-4, 29 Euro.

express 9/2023 erschienen!

express 9/2023 erschienen!

Inhalt

Gewerkschaften Inland

Andreas Bachmann, Heiner Dribbusch: »Begeisterung sieht anders aus« – Die EVG-Tarifrunde bei der Deutschen Bahn 6

Ulrich Maaz: »Nachholbedarf und Tarifkonkurrenz« – Ausblick auf die Tarifrunde der Länder 16

Betriebsspiegel

Karsten Weber: »Gräfenhausen reloaded« – Die Lieferketten reißen nicht 1

Gaston Kirsche: »Ene Besuch im Zoo…« – Streik im Hamburger Tierpark Hagenbeck 8

Politik & Debatte

Peter Kern: »Großer Zaster, kleines Geld« – Über Kinder, Kapital und Christian Lindner 5

Slave Cubela: »Gefangene unserer Traumata« – Warum Gewalt gegen die Linke viel mit ihrem jetzigen Zustand zu tun hat 2

AK System Change: »Her mit den Konzepten für System Change!« – Einladung zu einer neuen Sozialismus-Diskussion 10

AG Feministischer Streik Kassel: »Thesen für den feministischen Streik« – Wie entfaltet sich das Potential des feminsitischen Streiks? 12

Internationales

Heiner Dribbusch: »Streikrecht weiter verschärft « – Nach langen Debatten wurde das Streikrecht in Großbritannien »reformiert« 14

Rezension

György Széll: »Sozialpartnerschaft als Brandmauer?« – Über einen Sammelband zu Gewerkschaften und Rechtspopulismus 9

Editorial

Geneigte Leserinnen und Leser,

sogenannte Sommerlöcher sind ja in der Regel gar keine. Es gibt keinen Mangel an Themen, nur sind alle, die darüber schreiben könnten, irgendwo in Urlaub. Als Redaktion schwitzen wir deswegen immer ein wenig, ob wir denn genügend Stoff bekommen, um die erste Herbstausgabe zu füllen.

In diesem Jahr war das allerdings kein Problem. Obwohl der Sommer nicht arm an Ereignis­sen war, haben wir, der Urlaubszeit sei’s gedankt, für unsere Verhältnisse recht viel theoreti­sche Diskussion und Debatte im Angebot: Ein neu gegründeter Arbeitskreis System Change, dem auch der in und um Frankfurt sesshafte Teil der express-Redaktion angehört, lädt mit ei­nem ersten Beitrag zu einer strategischen Sozialismus-Debatte (S. 10). Unabhängig davon er­reichte uns ein Beitrag Slave Cubelas, der die Sinnhaftigkeit genau solcher Debatten in Frage stellt (S. 3) – wir fanden es angemessen, diese beiden Beiträge im Kontext miteinander zu veröffentlichen. Auch bei den »Thesen für einen feministischen Streik« der gleichnamigen AG aus Kassel, die demnächst ausführlicher in dem Buch »Feministisch streiken« (Unrast-Verlag, Münster 2023) erscheinen werden, handelt es sich um solch einen strategisch-theoreti­schen Beitrag (S. 12).

Und dann, der express war schon fast durchgeplant, kamen sie glücklicherweise doch noch, die Beiträge aus der Arbeitswelt: Aus dem Kreise der Redaktion erreichten uns auf den letzten Drücker noch Beiträge zum Start der TVöD-Runde (S. 16), zur Beilegung des Tarifkonflikts bei der Bahn (S. 6) sowie zur Verschärfung des Streikrechts in Großbritannien (S. 14).

Vor allem aber gingen und gehen die Proteste der Trucker an der Raststätte Gräfenhausen in eine zweite Runde (S. 1) – wohl aufgrund der Sommerpause (dadurch ging uns 2022 schon der »wilde« Streik beim Bau des Fehmarnbelt-Tunnels durch die Lappen) erhielt er leider nicht die gleiche mediale Beachtung wie der Ausstand im Frühjahr.

Auch die Debatte zum Umgang der deutschen Linken mit dem Ukraine-Konflikt wird fortge­führt: Die Auseinandersetzung darum haben wir der Nachvollziehbarkeit halber auf unsere Homepage verlagert – was nicht heißt, dass wir nicht auch in der Druckausgabe weiter dar­über debattieren werden.

Zwei gute Nachrichten schlussendlich noch: Zum einen freuen wir uns, mit Jürgen Schardt ei­nen neuen hauptamtlichen Redakteur in unseren Reihen begrüßen zu dürfen! Euch, geneigten Leserinnen und Lesern, wird er auch als neuer Verwalter der Abonnements sicherlich bald im Gedächtnis sein. Und: Mit dem Buch »STREIK« unseres Autoren Heiner Dribbusch haben wir ab dieser Ausgabe dank der Kooperation des VSA-Verlags ein künftiges Standardwerk zum Thema als neue Abo-Prämie vorliegen!

Nach dem Sommerloch ist vor den Gewerkschaftskongressen. Aber das ist eine andere Ge­schichte und soll ein andermal erzählt werden. Bis dahin wünschen wir eine angenehme Lek­türe!

Bildnachweis

Passend zu den Streiks in der Filmindustrie Hollywoods – im Mai dieses Jahres haben die 11.000 Drehbuchautor:innen der Writers Guild of America (WGA) die Arbeit niedergelegt, im Juli schloss sich die Schauspielergewerkschaft SAG-AFTRA mit ihren 160.000 Mitgliedern an – führt unsere Bildstrecke diesmal nach Los Angeles. In den frühen 1970er Jahren träumt hier Seymor, der Protagonist der Geschichte, von der Inszenierung eigener Spielfilme. Sein Geld verdient er dagegen als Cutter von Trash-Movies. Anschaulich wird hier die Arbeitswelt der Traumfabrik geschildert, die von Hierarchien, Abhängigkeiten und Demütigungen geprägt ist und in der die individuelle Hoffnung auf den großen Erfolg wenig Raum für Solidarität lässt. Die #Metoo-Debatte lässt grüßen; gleichzeitig zeigt die Graphic Novel, dass diese nur an der Oberfläche gekratzt hat. Umso erfreulicher, dass solche festgefahrenen Muster durch die aktuellen Streiks gerade unterbrochen sind!

Wir danken dem Verlag für die Überlassung der Bilder!

Sammy Harkham: „Blood of the Virgin“. Reprodukt, Berlin 2023. ISBN 978-3-95640-336-1. 296 Seiten, 39 Euro.