express 12/2025 erschienen!

express 12/2025 erschienen!

Inhalt

Gewerkschaften Inland

Wolfgang Schaumberg: »Bald sind wieder Betriebsratswahlen!« – »Wir haben andere Sorgen…!« 3

Torsten Bewernitz: »Mythos Einheitsgewerkschaft« – Ihre Grenzen im Kampf gegen Faschismus   4

Alexander Maschke: »Die Mehrheit in den Betrieben wiedererlangen« – Strategien gegen die extreme Rechte   6

Slave Cubela: »Radikale Teamorientierung« – Organizing abseits des Schlüsselpersonenkonzepts   12

Betriebsspiegel

Ulrich Maaz: »Entgelt, Entgelt, Entgelt« – Start der Tarifrunde der Länder   5

Sabrina Apicella: »Good News aus den Midlands« – Wie man Amazon organisiert 17

Bewegung mit Recht, Folge 35

René Kluge: »Betriebliche Demokratie braucht souveräne Wahlvorstände« – Online-Wahlen und demokratische Erfahrung   7

Politik und Debatte

Charly Außerhalb: »In die Taschen der Vermieter« – Bürgergeld geht für Miete drauf   8

Renate Hürtgen: »Enteignen ist erlaubt und effizient« – »Vergesellschaftung« in der öffentlichen Debatte   9

»Vergesellschaftung aus Notwehr« – Ralf Hoffrogge im Gespräch mit Renate Hürtgen über Mietenproteste   10

Internationales

Karin Zennig: »(K)eine Weihnachtsgeschichte« – Wie das Gewerkschaftshaus in Karatschi zu klein wurde und was das mit uns zu tun hat   1

Heiner Dribbusch: »Generalstreiks im Zeichen der Gaza-Solidarität« – Italiens Gewerkschaften in gespaltener Eintracht   14

Sam Gindin: »Ein Aussterben, nicht nur eine Krise« – Lehren aus dem Niedergang der kanadischen Autoindustrie   18

Marco Höne: »Trotz Bürgerkrieg und Militärdiktatur« – Gewerkschaftsbewegung in Myanmar kämpft weiter  19

Europa-Express, Folge 13

Roland Erne: »Ein ironischer Sieg für das soziale Europa« – EuGH bestätigt Mindestlohnrichtlinie   16

Nachruf

Hajo Funke: »Auf der Suche nach erinnernder Solidarität« – Zum Tod von Micha Brumlik   20

Editorial

Geneigte Leserinnen und Leser,

Weihnachtsmuffel behaupten, das Kapital habe die gemütliche Zeit am Jahresende in ein Fest des Konsums verwandelt. Sie haben nicht ganz Unrecht. Kurz vor dem 24. Dezember sieht man scharenweise Gestresste zwischen Geschäften hin- und herrennen, die noch schnell etwas besorgen, was sie jenen unter den Weihnachtsbaum werfen können, die Geschenke erwarten. Arme Familien wissen oft gar nicht, von welchem Geld sie ihren Kindern Geschenke kaufen sollen. Und viele Beschäftigte werden vor Weihnachten zur Mehrarbeit gezwungen, zum Bei­spiel in Amazon-Logistikzentren – wie dort Organisierung möglich ist, erklärt Sabrina Api­cella (S. 17).

Ganz Recht haben die Weihnachtsmuffel aber auch nicht. Denn Schenken ist zugleich eine vortreffliche Kulturtechnik: anderen eine Freude bereiten, ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten. Wir mögen sie so gerne, dass wir Euch mit vier Extraseiten in dieser express-Aus­gabe beschenken. Wer über die Weihnachtszeit viel umherfährt, den Fängen aufdringlicher Verwandter entkommen will oder schlicht Gefahr läuft, sich zu langweilen, wird sich darüber besonders freuen, dachten wir uns.

Nicht nur die keinesfalls öden Tarifrunden im ÖD (S. 5, 14), sondern auch die Betriebsrats­wahlen im Frühjahr 2026 geben Anlass zur Auseinandersetzung: Torsten Bewernitz (S. 4) und Alexander Maschke (S. 6) führen die Diskussion darüber weiter, was die BR-Wahlen für den Umgang mit der extremen Rechten im Betrieb bedeuten. René Kluge (S. 7) und Wolfgang Schaumberg (S. 3) gehen aus ganz verschiedenen Richtungen an die Frage heran, welche Chancen die Wahlen für Beschäftigte bieten – und haben jeweils praktische Vorschläge im Angebot. In die nächste Runde geht mit Slave Cubela (S. 12) auch die Debatte über Jane McAleveys Schlüsselpersonenkonzept im Organizing.

Wie die Wiederaneignung der öffentlichen Daseinsvorsorge gelingen kann und welche Rolle dabei Gewerkschaften spielen (oder eben leider nicht), verhandeln Renate Hürtgen (S. 9) und Ralf Hoffrogge (S. 10) am bezahlbaren Wohnen. Und Charly Außerhalb zeigt, was passiert, wenn man dabei allein auf den Markt setzt: Alle zahlen drauf, die Immobilienbesitzer freut‘s (S. 8).

Unbedingt berichten wollten wir Euch auch von internationalen Entwicklungen: Quasi west­europaweit wurde in den letzten Monaten der Generalstreik ausgerufen. Über den französi­schen war in unserer letzten Ausgabe zu lesen, in dieser über den italienischen (S. 14), den belgischen und den portugiesischen (S. 2). Wir fragen uns allerdings, ob bei all diesen »Gene­ralstreiks« der Begriff nicht langsam seine eigentliche Bedeutung einbüßt.

Roland Erne erklärt darüber hinaus, weshalb wir es ausgerechnet den Arbeitgeberverbänden zu verdanken haben, dass der Europäische Gerichtshof die EU-Mindestlohnrichtlinie bestätig­te (S. 16). Wie immer blicken wir auch über den europäischen Tellerrand hinaus: Sam Gindin fordert in Anbetracht der Krise der kanadischen Autoindustrie, endlich (wieder) groß zu den­ken (S. 18), und Marco Höne berichtet davon, wie die Gewerkschaften in Myanmar der Mili­tärdiktatur trotzen (S. 19).

Wer jetzt trotz oder wegen Weihnachten noch etwas verschenken will: Die Kolleg:innen von der NTUF in Karatschi (S. 1) freuen sich über eine Spende für ihr neues Gewerkschaftshaus, Labournet TV über die Absicherung seiner filmischen Unterstützung der Arbeiterbewegung. Wir sind ebenfalls auf Spenden angewiesen – und wären sehr dankbar, wenn Ihr etwas für uns übrig habt! Nicht als Gegenleistung, versteht sich, sondern weil Ihr auch so gern schenkt wie wir und uns eine Freude machen wollt. Oder?

Wir wünschen anregende Lektüre und eine erholsame Weihnachtszeit!

Bildnachweis

Nicht unser, aber sicher der Deutschen Lieblingsdichter, vermutlich der bekannteste Deutsche nach Marx und, im Unterschied zu ihm, sicher die meistgelesene Schullektüre. Was könnte es also über Goethe und seinen »Faust« noch Neues zu sagen geben? Kann man sich auf seine vielzitierten, oft pathosgeschwängerten »Schüttelverse«, die bisweilen nur in Mundart über­haupt einen Reim ergeben, heute noch einen solchen machen?

Nele Heaslip hat sich dieser Frage auf elegante Weise angenommen: Sie lässt den Faust im Unterschied zu anderen Adaptionen (Faust in einfacher Sprache mit Bildern für DAZ-Kurse, Faust als Comic mit modernisiertem Text) selbst sprechen, inszeniert ihn aber grafisch neu: Der Originaltext wird zeichnerisch mal im Mittelalter, mal im Nationalsozialismus, mal in der Gegenwart eingebettet. Durch diese grafischen Übersetzungen gelingt es ihr tatsächlich, den scheinbar ewigen Menschheitsfragen kontextspezifische Bedeutungen zu geben und Assozia­tionen zu vermitteln, die nicht allen Fans des Nationaldichters gefallen werden.

Ohne spoilern zu wollen: Wir empfehlen insbesondere die NS-Saufgelage in Auerbachs Kel­ler und die gelehrten Grübeleien eines Gegenwartsakademikers zwischen halbverdautem Wis­senschaftsverdruss und esoterischer Reichsbürgerei – alles in wunderbarem Schwarz-Weiß. Ein Weihnachtsgeschenk für alle, die schon alles zu wissen glauben!

Wir danken dem Jaja Verlag herzlich für die Überlassung der Bilder und wünschen viele Le­ser:innen!

Nele Heaslip: Faust. Der Tragödie erster Teil, Band 1, Jaja Verlag, September 2025, 280 Seiten, 20 x 28 cm, schwarz-weiß, Hardvocer, ISBN: 978-3-948904-73-9, 32 Euro.

express 10/2023 erschienen!

express 10/2023 erschienen!

Inhalt

Gewerkschaften Inland

AK Kongressbeobachtung: »Das Selbstbild der Gewerkschaft als progressive Kraft« –
Der ver.di-Bundeskongress debattiert nicht nur über Waffen für die Ukraine 6

Betriebsspiegel

S. Buckel, A. Engelhardt, J. Kopp, M. Pichl, C. Scheper, C. Vestena: »Powered by the Supply Chain« – Der Streik in Gräfenhausen und die Rechtskämpfe um das neue Lieferkettengesetz     4

express-Redaktion: »Das Problem sind die Zustände« – Gespräch mit Anna Weirich über die Proteste von Gräfenhausen 5

Georg Barthel: »Management im digitalen Kapitalismus« – Wird die Lean Production von einem Amazonismus abgelöst? 10

Politik und Debatte

AG Wahlbeobachtung: »Kein links. Nirgends« – Zu den Landtagswahlen in Bayern und Hessen 1

Thomas Gehrig: »Vom Ich zum Wir« – Anmerkungen zum politischen Charakter sozialistischer Utopien 3

Alexander Maschke: »›Unsere Traumata‹ erfordern ein ›Uns‹« – Eine Antwort auf Slave Cubela  8

WAC-MAAN Workers Association: »An der Seite der israelischen Protestbewegung« – Für den Sturz der Hamas in Gaza, für die Ersetzung der Regierung Netanjahu durch ein demokratisches Regime     9

Diethard Behrens: »Konservativer Défaitismus? Ja, konservativer Défaitismus!« – Eine Marginalie zum Beitrag des Kollegen Slave Cubela im express 9/2023 15

Europa Express

Roland Erne: »Wundersame Reformen in und mit der EU« – Gender-Pay-Gap und beispielhafte Tarifstärkung in Rumänien     12

Internationales

Luis Feliz Leon: »Unberechenbar werden« – 25.000 US-Autobeschäftigte mit neuer Streikstrategie bei den »Big Three« im Ausstand 13

Rezension

Torsten Bewernitz: »Satz mit X…« – Catherine Liu scheitert mit dem Versuch, den Identitäts-Hype klassenanalytisch zu begründen 14

Slave Cubela: »Linker Gesundheitsrealismus« – Über Beat Ringgers »Pharma fürs Volk« 16

Kurzwaren

Vermischtes 14, 15

Antipasti 9

Editorial

Geneigte Leserinnen und Leser,

nachdem wir bereits den letzten express aufgrund der inhaltlichen Zusammenstellung als et­was ungewöhnlich angekündigt haben, ist auch die vorliegende Ausgabe wieder keine proto­typische geworden. Dabei hängt das eine mit dem anderen durchaus zusammen: Uns haben Zuschriften zu den Beiträgen des AK System Change und Slave Cubelas über sozialistische bzw. linke Perspektiven und Programmatiken erreicht, die wir im vorliegenden express doku­mentieren (S. 3, 15). Vor allem die Intervention des AK System Change sollte ja eine entspre­chende Debatte auslösen, insofern freuen wir uns über diese und weitere Wortmeldungen.

Ansonsten findet der Schuster zu seinen Leisten zurück, denn immer noch und wieder be­schäftigt uns das Titelthema des letzten express, die LKW-Fahrer-Streiks von Gräfenhausen (S. 4, 5), das »System Amazon« und die Frage, ob es sich hier um ein neues Geschäfts- oder gar Akkumulationsmodell handelt (S. 10), und natürlich der ver.di-Bundeskongress (S. 6), u.a. mit seiner Debatte über den Umgang mit Krieg und Frieden in der Organisation. Darüber hinaus analysiert die AG Wahlbeobachtung die gerade vergangenen Wahlen, die uns ja als in Hessen ansässige Redaktion ganz unmittelbar betreffen und entsprechend frische Wunden hinterlassen (S. 1). Nicht zuletzt widmen wir uns Überraschungsgästen auf europäischem und internationalem Parkett: den wundersamen Reformen der EU zur Durchsetzung von Lohn­gleichheit zwischen den Geschlechtern, Rumänien als Vorreiter bei der Stärkung von Kollek­tivverträgen (S. 12) und den AutomobilarbeiterInnen in den USA, die endlich genug haben von Lohnzurückhaltung, Inflation, Zweiklassenrecht im Betrieb und transformationsbedingt­em Krisengerede ›ihrer‹ Konzerne (S. 13). 

Außerdem ist die Redaktion des express in letzter Zeit und naher Zukunft auch außerhalb des gedruckten Uni- oder Multiversums recht umtriebig: Gerade haben wir eine Buchvorstellung hinter uns, schon naht die nächste. Und auch auf der Nürnberger linken Literaturmesse ist die Redaktion live dabei. Wir würden uns freuen, Euch da oder dort zu treffen, um die rhizomati­schen Verbindungen für das Werkeln an der wahren Transformation voranzubringen!

Dies, auch wenn oder gerade weil uns die Entwicklung im Nahen Osten und die drohende Es­kalation seit dem Angriff der Hamas mitten in unserem eigenen Umbruch steckend erwischt hat. Es bleibt uns einen Tag vor dem Drucktermin nur eine kurze Stellungnahme – und ein Hinweis auf eine Resolution des Workers Advice Centre WAC-Maan in Israel, die wir über­setzt haben (S. 9).

Bildnachweis

Gelegenheit macht Bilder: Wir haben unsere diesmalige Bildstrecke dem zweiten Streik in Gräfenhausen gewidmet. Bekanntlich, auch wenn die träge Redaktion die heiligen Hallen des express höchstens zum Zigaretten holen verlässt, sitzen wir gar nicht allzu weit von der Raststätte entfernt. AFP-Mitglied Fritz Hofmann, dem wir schon so manche Foto-Bildstrecke zu verdanken haben, hat den Streik besucht und uns die hier vorliegenden Fotos exklusiv kredenzt. Wir danken! Auf den Bildern zu sehen sind unter anderem die Din-A4-Plakate, welche die Fahrer an ihre LKW-Türen klebten, um damit die Namen der Endkunden ihrer Lieferungen sowie die Summe der ausstehende Löhne zu dokumentieren.