Chance für was?

Krisenanalysen und Krisenerfahrungen in der Diskussion

Termin: 8. Januar 2011, 9.45-17 Uhr (einschl. Mittagspause)
Ort: Bürgerhaus Bornheim, Arnsburger Str. 24, 60385 Frankfurt a.M.
(U-Bahn-Linie 4, Station „Höhenstraße“)
Veranstalter:Ein Kooperationsprojekt von Redaktion express, kein mensch ist illegal Hanau, Redaktion links-netz, Verein zur Förderung demokratischer Arbeitsbeziehungen und sozialer Gerechtigkeit u.a.
Information & Kontakt: Redaktion express, Tel. (069) 67 99 84,
Email: express-afp@online.de


Alle reden von der Krise! – Aber von welcher Krise ist die Rede?

Reden wir von der größten Krise der Weltwirtschaft seit den 1920er Jahren oder von einer Krise, die 'wir' soeben mit leichten Blessuren überstanden haben? Droht uns das dicke Ende noch, oder müssen wir uns auf ein 'weiter so' und den nächsten Aufschwung einstellen? Findet die Krise nur am Rande, in Griechenland, Irland, Portugal… statt, oder holt sie auf Umwegen Luft für ihre baldige Wiederkehr? Geht es 'um’s Ganze' – oder 'nur' um eine Krise des Finanzsektors, bestimmter Branchen, des Euro oder eine Verschuldungskrise?
Durchlaufen wir eine der zyklisch wiederkehrenden Reinigungskrisen, oder handelt es sich um eine systemische Krise, gar eine Grundlagenkrise des Kapitalismus?

Mit dem Krisenbegriff und der Einschätzung der gegenwärtigen Krisenphänomene verbinden sich auch politisch unterschiedliche Perspektiven: Was für die einen lediglich eine weitere Chance für’s Kapital, zeigt für andere gerade die Grenzen des bisherigen Wachstumsmodells auf oder birgt vielleicht sogar die Chance zur radikalen Überwindung dieses Wirtschaftssystems. Verbreitet war die Rede von einer Delegitimierung des Neoliberalismus, gerade in der Linken verband sich dies mit der Hoffnung auf ein Aufbrechen versteinerter Verhältnisse, gar eine Delegitimierung 'des Systems'.
Klar ist, dass mit der derzeitigen Krisenbewältigungspolitik negative Folgen für die meisten Menschen zu erwarten sind. Dabei zeichnet sich bislang jedoch eine erstaunliche Kontinuität hinsichtlich der Ideologie des schlanken Staats, der Deregulierung und des Abbaus sozialer Rechte und Sicherungssysteme ab. Trotz oder wegen des aktuellen, exportbasierten 'Aufschwungs' ließe sich also fragen: Zahlen 'wir' – entgegen aller Rhetorik und der Ankündigung eines heißen Herbstes – nicht doch für 'Eure' Krise? Oder bietet die Krise auch Chancen für eine andere Politik, vielleicht sogar für eine Perspektive, in der die Lösung nicht mehr nur im besser regulierenden Staat gesehen wird?

Wir wollen uns in dieser Veranstaltung vor allem mit jenen Positionen auseinandersetzen, die den marktliberalen bis staatsinterventionistischen Programmen im bürgerlichen Spektrum nicht viel abgewinnen können. Um alternative Perspektiven und Fragestellungen, die im Zusammenhang mit der Krise aufgeworfen wurden, diskutieren zu können, ist es aber auch notwendig, sich deren Unterschiede zu den derzeit praktizierten, etablierten Krisenlösungsstrategien zu vergegenwärtigen. Stimmt die These, dass die Krise mit den üblichen Mitteln – mehr Markt und mehr Staat – nicht mehr zu regulieren ist?

Zu diskutieren ist, inwieweit die Krise auf die gesellschaftlichen Transformationsprozesse wirkt und was dies für eine politische Praxis bedeuten kann. Gesucht sind Einschätzungen, die das Besondere der gegenwärtigen Krisensituation erfassen, ohne dabei in einen Krisen-Fetischismus zu verfallen. Wenn die Krise als Chance begriffen werden soll, dann muss letztlich auch die Frage gestellt werden: Chance für was?

Im ersten Teil der Veranstaltung sollen gängige Ansätze der Krisenerklärung und Wege der Krisenbewältigung vorgestellt und diskutiert werden. Beginnend mit neoliberalen Diagnostiken sollen über reformorientierte Konzepte aus dem gewerkschaftlichen und keynesianischen Spektrum im Zentrum dieses Teils Ansätze stehen, die über etatistische Lösungsstrategien hinausgehen und eine radikale Veränderung gesellschaftlicher Verhältnisse in den Blick nehmen. Hier stellt sich die Frage, was die 'Krise' an Bedingungen und Möglichkeit für eine emanzipatorische Linke verändert bzw. verändert hat.

Ausgehend von der Frage, wie 'die Krise' in unterschiedlichen Branchen, Berufsfeldern, Produktions- und Reproduktionsbereichen 'angekommen' ist, wollen wir im zweiten Teil der Veranstaltung dann über gesellschaftliche Krisenwahrnehmungen und –erfahrungen und damit zusammenhängende mögliche Konsequenzen, politische Orientierungen und Optionen diskutieren.

Programm:

9.45 Uhr:Film: David Harvey über „Crises of Capitalism” (26. April 2010, 11 min.) „It’s not the world I want to live in – and I invite you to be my guest”
10.00-10.30 Uhr:„Die Fantasien der Krise“ – Krisenerklärungen von Neoklassik über Neo-Keynesianismus bis (Post-)Operaismus ReferentInnen: Thomas Gehrig, Kirsten Huckenbeck, Ralf Kliche, Hagen Kopp
10.30-11.00 Uhr:„Eine Frage der Bewegung – oder eine Chance für’s Kapital…“ Referent: Joachim Hirsch
11.00-11.30 Uhr:„Eine Erschütterung der Macht oder: Maulwürfe bei der Arbeit“ Referent: Christian Frings
11.45-13.00 Uhr:Nachfragen und Diskussion
13.00-14.00 Uhr:Mittagspause
14.00-15.30 Uhr:„Und wie kommt die Krise bei Euch an?“ Blitzlichter aus den Bereichen: Erwerbslosenbewegung, Automobilproduktion, Leiharbeit, globale Migration, Green New Deal (neue Energien und Handwerk), IT-Branche, China, Öko-Bewegung, Gesundheitssektor, EU-Migration/Bauindustrie…
15.30-17.00 Uhr:Zwischen „Treibhaus“, „Inkubationszeit“ und „Hamsterrad“ – was macht die Krise zur Krise, was taugen unsere Krisenerklärungen, und gibt es etwas, das die Proteste verbindet?

Mit: Jürgen Behre, Slave Cubela, Rolf Engelke, Christian Frings, Hinrich Garms, Thomas Gehrig, Joachim Hirsch, Kirsten Huckenbeck, Stefanie Hürtgen, Ralf Kliche, Hagen Kopp, Nadja Rakowitz

Termin: 8. Januar 2011, 9.45-17 Uhr (einschl. Mittagspause)

Ort: Bürgerhaus Bornheim, Arnsburger Str. 24, 60385 Frankfurt a.M. (U-Bahn-Linie 4, Station „Höhenstraße“)

Information & Kontakt: Redaktion express, Tel. (069) 67 99 84, Email: express-afp@online.de

Wir bitten um eine kurze, formlose Anmeldung für die Tagung. Um Spenden wird gebeten.


zurück